Gefährten 2011
Originaltitel: War Horse
von Jane Fritsche /
08.02.12 09:16 Uhr
Film Kritik
Die Geschichte des Farmerssohns Albert (Jeremy Irvine) und seines geliebten Wallachs Joey spitzt sich dramatisch zu, als der Erste Weltkrieg ausbricht: Alberts Vater verkauft Joey an die britische Kavallerie, als Schlachtross wird er an die Front geschickt. Damit beginnt seine außergewöhnliche Reise vor dem Hintergrund eines grausamen Krieges. Trotz aller Gräuel, denen Joey auf seiner Odyssee begegnet, inspiriert er die Menschen, die seinen Weg kreuzen, und verändert ihr Leben.
Kritik
1998 realisierte Steven Spielberg mit "Der Soldat James Ryan" einen Kriegsfilm, der zugleich als ein Anti-Kiegsfilm zu werten ist, denn er erzählte auf eindringliche Weise die Schrecken des Krieges und das Leid des Einzelnen im Kampf. Die Bilder bleiben unvergessen, die Figuren lebendig mit ihrem Schicksal. Die stete Konstante im Schaffen von Spielberg war immer der besondere magische Kinomoment. Sei es die rote Jacke in "Schindlers Liste" oder E.T.’s Herzschlag, alles bündelte sich zu einem perfekten cineastischen Augenblick.Nun bringt Spielberg erneut eine Geschichte über Krieg, menschliches Leiden und Sehnen nach einem zufriedenen Leben ins Kino. Er erzählt die Geschichte des Pferdes, ein Tier das neben dem Hund zum beliebtesten Tiercharakter im Film zählt und für Anmut, Stolz und Würde steht. Jene Liebe zu Pferden ist es dann auch, die Spielberg dazu animierten, sowohl die Kinderbuchvorlage „War Horse“, als auch das gleichnamige Buch des britischen Autoren Michael Morpurgo, 1982 erschienen, zu verfilmen.
Das Fohlen Joey wird im idyllisch ländlichen Devon in England geboren, es ist so frei und ungestüm wie die umliegende Natur. Seine Bekanntschaft mit dem Bauersohn Albert Narracott (Newcomer Jeremy Irvine) wird zunächst eine Feuerprobe bestehen und dann eine Freundschaft auf Lebenszeit sein, ganz in der Tradition des Genres.
Was nun folgt sind Stationen im Leben des Tieres, das in die Wirren des Ersten Weltkrieges gerät. Viele Begegnungen mit unterschiedlichen Männern verschiedener Nationen, Feinde, die noch halbe Kinder sind, einem jungen Mädchen und ihrem Großvater, die alle in eine emotionale Bindung mit dem Pferd eingehen. Ihm stehen Mutproben bevor, die ihn an die Belastungsgrenze bringen. Stets stark, immer mit erhobenem Kopf, eine Zierde seiner Gattung.
Der episch angelegte Plot krankt zunächst an einem entscheidenden Punkt: Die Mischung aus Heimat- und Kriegsfilm wirkt völlig über- und mit einer fragwürdigen Botschaft aufgeladen. Es ist die Geschichte eines Pferdes, das die Funktion eines Erlösers erhält. Jede Begegnung mit ihm hinterlässt Spuren, die den Jeweiligen zum Positiven hin verändern. Das stets präsente christliche Motiv drängt sich geradezu unangenehm auf und ist schlichtweg fehl am Platz. So muss der Zuschauer Hufwaschungen über sich ergehen lassen, um auch dem Dümmsten weiß machen zu wollen, welche Einzigartigkeit dieses eine Pferd besitzt.
Tierliebhaber und -besitzer werden am ehesten die innere Verbundenheit nachvollziehen können. Anlehnungen zum "Lassie"-Plot kommen nicht von ungefähr. Während der treue Hund eine Odyssee durch Schottland durchlebt, um wieder nach Hause zu kommen, soll Joey sowohl sein persönliches Schicksal zu seinem jungen Menschenfreund Albert, als auch gleich die Wirren des Krieges auf seinen Schultern tragen. Dass die Handlung bei solch einem konstruierten Gerüst mehr als fadenscheinig daherkommt, muss sich Spielberg als Fazit gefallen lassen.
Dass kein echtes Mitgefühl aufkommt, liegt des Weiteren an den schnellen Etappen, in denen „Gefährten“ seine vielen Figuren auf- und wieder abtreten lässt. Darsteller wie Peter Mullan (Harry Potter 7.1), Emily Watson ("Equilibrium") Benedict Cumberbatch ("Sherlock"), Tom Hiddleston ("Thor") David Kross ("Der Vorleser"),die junge Celine Buckens, Niels Arestrup als ihr Großvater, Toby Kebbell ("RockNRolla") und Hinnerk Schönemann ("12 Meter ohne Kopf") haben kurze Auftritte, die kaum Raum für emotionale Bindungen zu den Charakteren zulassen. Bis auf die Szene im Schlachtfeld zwischen Maschendrahtzaun, bei der sich Feinde verbünden, um das Tier zu befreien, ist die überstürzte Herangehensweise an die Figuren geradezu verstörend.
Im Original hört man die Schauspieler sowohl Englisch als auch Deutsch sprechen, im Zuge der unterschiedlichen Nationen, die im und am Film beteiligt sind, ein verständlicher Grund. Doch warum sprechen die Deutschen im eigenen Lager Englisch und dann wieder im Schlachtgerangel Deutsch? Wie so vieles ist auch das ein Grund, warum der Film unfertig und überladen wirkt. Die immense Stofffülle, die Figuren, die nur als Randgestalten agieren und letztendlich der heroisch überzeichnete Charakter des Pferdes, das durch seine ständige Omnipräsenz zur unfreiwilligen Lachnummer verkommt. Dieser messianische Feldzug bleibt eine Zumutung, zum einen weil der Regisseur damit seine eigenen Meisterwerke über Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten verballhornt und zum anderen, weil sie einfach schlecht erzählt ist.
Nur weil der Name Steven Spielberg auf der Verpackung steht, heißt das noch lange nicht, dass man blind den Inhalt schlucken muss. Über die Jahre schlich sich eine zunehmende Kreativitätslosigkeit und Beliebigkeit in seine Werke ein, nach dem vielgescholtenen "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" und "Terminal" erreichte er nun mit „Gefährten“ seinen traurigen Tiefpunkt. Wo bleibt der Sinn für ein mitreißendes Abenteuer und die Hingabe zu herzerwärmenden Storys?! Hat Spielberg seine Kinomagie verloren oder ist zu sehr abgehoben, so dass er den Sinn für gute Geschichten eingebüßte? Fragen die im Raum angesichts dieses blamablen Films stehen und die traurig machen. Kritikpunkte, die sich bereits sein Freund George Lucas gefallen lassen musste und vor denen auch ein Steven Spielberg nicht gefeit ist. "Gefährten" sollte nicht der Film sein, mit dem man ihn verbindet.
Fazit: Auch wenn die Kriegsgeschehnisse aus der Sicht eines Pferdes eine Hommage an die Tierorganisation American Humane Society darstellen, hat „Gefährten“ nicht mehr als viel Pathos, einer schlecht konstruierten Handlung und die schwülstig aufgetragene Musik von John Williams zu bieten. "Gefährten" sollte im günstigsten Fall schnell in der Versenkung verschwinden, Mr. Spielberg eine Lehre sein und ihm allenfalls den nötigen Schubser geben, wieder gute Filme zu drehen.
Kommentare
Der Film könnte sehr interessant sein, auch wenn ich eigentlich die Schnauze voll habe von Kriegsfilmen, werde ich mir den hier wohl mal zu Gemüte führen. Was ich echt bemerkeswert finde ist das David Kross eine Rolle in dem Film erhalten hat, kannte ihn bisher nur aus nationalen Produktionen wie "Krabat" und "Knallhart.
david kross hat ja auch schon in der vorleser mit kate winslet mitgespielt.
der film sieht dann aber wirklich nicht allzu vielversprechend aus, der trailer war auch schon fast an der grenze zum lächerlichen. ein pferd als hauptcharakter ist ja auch irre langweilig.
Der Trailer wirkte genauso, wie es dann letztendlich geworden ist. Aber nach euren Meinungen ist mir es total schleierhaft, wie es der Film in die Nominiertenliste geschafft hat ... aber wieder schön geschrieben diva!
Endlich kann ich was zum Film schreiben. War Horse ist einer der schlechtesten Filme der letzten Jahre, den ich gesehen habe. Fand es einfach nur quälend anstrengend. Der neue Film von Spielberg, dem großen Geschichtenerzähler von einst. Ich bin ja der Meinung, dass Spielberg schon lange seine besten Tage hinter sich hat, habe schon ewig nichts gutes mehr von ihm gesehen. Daher kann ich auch jeden Hype um ihn nicht nachvollziehen. Dennoch ist man natürlich irgendwo gespannt wenn er was neues dreht und hofft auf das Beste, so auch nun bei War Horse.
Mit War Horse erreicht Spielberg nun aber einen neuen Tiefpunkt, ein wahres Armutszeugnis. Schade, denn an sich hätte man aus der Geschichte um Freundschaft, Krieg, Hoffnung und Liebe eine ganze Menge rausholen können.
Ich weiss gar nicht wo ich anfangen soll. Erstmal ist der Film viel zu lang, und dabei vor allem unglaublich langatmig, denn die lange Spielzeit wird nie sinnvoll ausgenutzt. Nach außen hin wirkt zwar alles sehr episch, doch letztendlich ist der Film total leer.
Ich mag bekanntlich Filme, die sich um Tiere drehen nicht besonders, doch geht man neutral an die Sache ran und hofft auf das Beste. Doch wenn das Tier (Pferd) hier schon so vermenschlicht wird, die Kamera immer wieder auf das dämliche leere Gesicht draufhält, und man als Zuschauer eigentlich schon erwartet, dass es gleich zu sprechen beginnt, kann ich meine Abneigung doch nicht mehr ausblenden. Dazu ein vollkommen unsympathischer, austauschbarer Hauptcharakter, der sich in sein Pferd dermassen verliebt, dass es eigentlich nur noch gefehlt hätte, dass es zwischen den beiden zum Animal Sex kommt. Hätt mich nichtmal mehr gewundert, wenn Spielberg die Lovestory damit abgerundet hätte.
Die Musik ist schrecklich! Es gibt ja oft Filme wo die Musik nichts besonderes darstellt und dadurch unbedeutend wird, aber selten ist Musik dermaßen schlecht, dass sie richtig stört. Bei aller Liebe zu John Williams früheren Werken, aber das hier war ja mal völlig daneben.
Kriegsszenen gibt es kaum welche, nach gefühlten 2 Stunden kommt es dann doch mal dazu, eine Szene ist dabei visuell sogar ganz nett gedreht, wenn sich die Soldaten in den Schützengräben gegenseitig bekriegen, doch das ist auch nur ein ganz kurzer Moment. Zerstört wird dieser auch sogleich mit einer der bescheuersten Szenen der Filmgeschichte.
ACHTUNG SPOILER: Das Pferd rennt zwischen die Fronten beider Parteien und rast mit Vollspeed in Stacheldraht. Eigentlich müsste es vollkommen zerfleischt sein, aber es ist ja das tapfere War Horse, das hält sowas schon mal aus. Jetzt kommts aber ganz dicke: Beide Parteien hören auf sich gegenseitig abzufeuern, von den deutschen schreitet ein Soldat zum Pferd, von den Briten ebenso, und beide versuchen nun gemeinsam das Pferd zu befreien, was noch durch einen bescheuerten Dialog zwischen ihnen unterstreicht wird. Fehlt nur noch eine Zange... denkt sich der Brite und Zack, fliegen dutzende Zangen aus dem Graben heraus von den anderen Soldaten zum Pferd. Ich dacht ich seh nicht richtig. Aber ja das ist eine von vielen bescheuerten Szenen aus War Horse. SPOILER ENDE
Ansonsten ist War Horse kitschig und vollkommen albern. War auch bemerkenswert, wieviele Journalisten die Pressevorstellung vorzeitig verlassen haben und beim Verlassen des Saals geflucht haben. Sowas habe ich bislang auch noch nicht erlebt. Aber ich kann es ihnen nicht verübeln. Auch ich habe die ganze Zeit mit dem Gedanken gerungen.
Warum gebe ich nun einen Stern? Eigentlich nur weil die Production Values hier und da ganz ansehlich waren. Ansonsten müsste ich eigentlich noch weiter runter, denn mir fällt absolut nichts gutes ein, was ich über diesen Film sagen kann.
Na, das hört sich ja super an :D
Sah zwar schon kitschig aus, was man bisher gesehen hat, aber dass es scheinbar so grottig schlechgt wird, hätte ich echt nicht erwartet ...
sehr schade um einen einst so "treffsicheren" Regisseur :(
Danke an Filmdiva & siBBe für ihr Opfer, trotzdem sehr interessante Texte :)
Neulich im Kino (vor "The Artist") kam ein nicht enden-wollender Trailer des Films, alle 10 Sekunden spielte die Musik eine Oktave höher, es war nicht zum Aushalten...und zum Schluss wurde auch noch die Szene angeteasert die siBBe in seinem Spoiler hatte...da konnte ich nicht mehr hingucken...
Jedenfalls konnte ich danach "The Artist" um so mehr genießen ;)
Da ist ja die lang ersehnte Kritik und er hat wirklich so schlecht abgeschnitten wie befürchtet.Hatte gehofft das Spielberg ein guten Film daraus macht.
Wenn er mal im Fernsehen kommt werde ich mal reinschauten aber allein das Pferd schreckt mich eh davon ab den ganzen Film zu sehen,vielen Dank für die ehrliche Kritik.
"Das stets präsente christliche Motiv drängt sich geradezu unangenehm auf und ist schlichtweg fehl am Platz."
Ich sags doch die ganze Zeit: Ein versteckter Narnia-Film! Mit irgendwas haben die Spielberg erpresst, dass er so nen Mist gemacht hat :D
Klasse Kritik und über siBBes Comment musst ich auch schmunzeln. Ihr tut mir schon leid, dass ihr das ertragen musstet :D



