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Barbara 2012

von Haiko Kàcserik-Maczek / 15.02.12 08:02 Uhr


Film Kritik

105
Länder
Deutschland
Genres
Drama
Kinostart
08.03.2012

Handlung

Sommer 1980 in der DDR. Die Ärztin Barbara (Nina Hoss) hat einen Ausreiseantrag gestellt. Nun wird sie aus der Hauptstadt in ein kleines Provinzkrankenhaus strafversetzt. Jörg (Mark Waschke), ihr Geliebter aus dem Westen, bereitet ihre Flucht über die Ostsee vor. Barbara wartet. Die neue Wohnung, die Nachbarn, der Sommer und das Land, all das berührt sie nicht mehr. Sie arbeitet in der Kinderchirurgie unter Leitung ihres neuen Chefs André (Ronald Zehrfeld) – aufmerksam gegenüber den Patienten, distanziert gegenüber den Kollegen. Ihre Zukunft fängt später an.

André verwirrt sie. Sein Vertrauen in ihre beruflichen Fähigkeiten, seine Fürsorge, sein Lächeln. Warum deckt er ihr Engagement für die junge Ausreißerin Stella (Jasna Fritzi Bauer)? Ist er auf sie angesetzt? Ist er verliebt? Barbara beginnt die Kontrolle zu verlieren. Über sich, über ihre Pläne, über die Liebe. Dann rückt der Tag ihrer geplanten Flucht näher.

Kritik

Es ist durchaus auffällig, dass die deutschen Filmemacher oft versuchen sich über die eigene Landesgeschichte zu definieren. Die kühnsten und tollsten Handlungen werden vor einem geschichtlichen Hintergrund platziert und es wird gehofft, dass sich der eine oder andere mit den Figuren identifizieren oder zumindestens in der Zeit wiederfinden kann. Zwar haben "Das Leben der Anderen", "Der Untergang" oder auch "Goodbye Lenin" beachtliche internationale Erfolge feiern können, doch waren alle diese Projekte dem Druck, die eigene Geschichte aufarbeiten, ja für das Kino aufbereiten zu müssen, verfallen. Dabei haben wir nicht nur talentierte, sondern durchaus interessante Regisseure; Christian Petzold zählt seit längerem zu ihnen, war er doch mit seinen Filmen "Gespenster" und "Yella" bereits zwei Mal im Wettbewerb der Berlinale vertreten.

Bereits zum fünften Mal griff Petzold auf Nina Hoss zurück, die 2006 für ihre darstellerische Leistung in "Yella" mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, damals hieß der Regisseur ebenfalls Christian Petzold. Auf der diesjährigen Berlinale beschert er uns mit "Barbara" den ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag.

An sich beruht "Barbara" auf einer Novelle von Herrmann Broch, die von einer kommunistischen Widerstandskämpferin der 1920er Jahre erzählt, die in einem Krankenhaus arbeitet, sich in einen Arzt verliebt - er übrigens auch in sie - sie aber weiterziehen muss und stirbt. Damals gab es auch schon SA-Horden, einen deutschen Justiz- und Exekutivapparat, die Jagd auf Kommunisten machten. Doch da Petzold laut eigener Aussage, bei diesem Setting keine Bilder im Kopf hatte, platzierte er die Handlung in die Deutsche Demokratische Republik der 1980er Jahre.

Wieder ein geschichtlicher Hintergrund könnte man meinen, doch Petzold versteht es die DDR nicht nur grau und trist, gar entsättigt darzustellen. Bei ihm gibt es Farben, Wind, es herrscht nicht das weitverbreitete Grau der Grenzübergänge, dabei schafft er den Spagat nichts zu verherrlichen. Es gibt keine Honeckerporträts oder gar Bildnisse des Arbeiter- und Bauernstaates und doch weiß man genau, wo man sich befindet, denn über weite Strecken erzählt Petzold seine Geschichte übers Ambiente sowie nachhaltige Stimmungen.

Die bewusst distanziert und steif gehaltenen Dialoge zwischen Barbara und André kratzen nur an der Oberfläche. Petzold erzählt von Menschen, die eine Wahrheit an den Tag legen, die es ohne Lüge nicht gäbe. Das gegenseitige Misstrauen und Belauern der Menschen in diesen Tagen lassen Barbaras Gefühle zunächst einfrieren und sie versteckt sich hinter einer Unnahbarkeit - schließlich bereitet sie diskret ihre Republikflucht vor.

André findet langsam Gefallen an Barbara, nicht nur alleine aus dem Grund, weil beide das gleiche Schicksal teilen strafversetzt worden zu sein und sich eigentlich zu Höherem berufen fühlen, nein, sie ist überdies hübsch, interessant und vor allem klug. Beide fühlen sich gezwungen, zwischen den Zeilen zu kommunizieren, wenn auch der eine dazu berufen wurde, seinen Gegenüber auszuspionieren und die andere eigentlich versucht nur nicht aufzufallen.

Petzold lässt seine DDR nicht in den Mittelpunkt rücken, doch wenn Barbaras Fluchthelfer und Liebhaber ihr anbietet, in der DDR mit ihr glücklich werden zu wollen und diese erwidert: "Spinnst Du, hier kann man doch nicht glücklich werden!" oder er wenig später sagt "Wenn Du im Westen bist, kannst Du ausschlafen, Du brauchst nicht mehr arbeiten. Ich verdiene genug für uns beide.", dann sind die Fronten nicht nur geklärt, sondern allgegenwärtig. Aber das ist nicht schlimm. Nebenhandlungen sind auszusparen, "Barbara" lebt von den starken Emotionen der beiden Hauptfiguren und von zwei - wie bei Petzold gewohnt - auf den Punkt überzeugenden Schauspielern: Nina Hoss und Ronald Zehrfeld.

Fazit: Petzold hat - wie gewollt - kein Porträt eines Unterdrückerstaates aufgezeigt und diesem die befreiende Liebe entgegengesetzt. Man findet keine Symbole in seinem Film, denn Symbole werden - wie er selber sagt - decodiert und es bleibt nur das übrig, was man vorher schon wusste. Vielmehr zeigt er Menschen und das, was sich zwischen ihnen aufgetürmt hat, was sie vertrauen und misstrauten lässt, was sie abwehren und annehmen. Und das alles in einer kleinen Geschichte, in einem kleinen deutschen Film. Wunderbar.

Kommentare


EastClintwood
15.02.12 09:50 Uhr

Schöne Kritik! Hört sich doch mal wieder nach einem guten deutschen Film an!