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Drive 2011

von Markus Hauser / 26.09.11 19:23 Uhr


Film Kritik

100
Länder
USA
Genres
Action, Thriller, Drama, Crime
Kinostart
26.01.2012

Handlung

Nach einer Romanvorlage von James Sallis

Tagsüber arbeitet Driver (Ryan Gosling) als Stuntman für Hollywood. Reine Routine. Erst nachts erwacht der wortkarge Einzelgänger zu Leben, als Fahrer von Fluchtfahrzeugen bewaffneter Einbrüche. Keiner kann ihn schnappen, keiner kann ihm das Wasser reichen. Dann lernt der coole Driver seine neue Nachbarin Irene (Carey Mulligan) kennen - und verliebt sich in die alleinerziehende Mutter. Als Irenes Ehemann Standard (Oscar Isaac) aus dem Knast entlassen wird, lässt sich Driver zu einem vermeintlich todsicheren Ding überreden: Mit dem erbeuteten Geld will Standard seine Schulden abbezahlen und Irenes eine gesicherte Zukunft bieten. Doch alles geht schief. Die Jagd auf Driver und Irene ist eröffnet - wenn es ihm nicht sofort gelingt, den Spieß umzudrehen...

Kritik

Im März des Jahres 2006 gelangte eine News aus Hollywood an die Öffentlichkeit, die auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches zu bieten schien: Hugh Jackman (X-Men, The Prestige), ein Topstar der Traumfabrik, sollte die Hauptrolle in der Verfilmung von James Sallis´ Roman „Drive“ übernehmen. Der Brite Neil Marshall, den meisten wohl nur bekannt für seinen packenden Horrorstreifen „The Descent“, war für die Regie vorhergesehen. Man kann nur erahnen, wie Drive mit Jackman als Hauptdarsteller unter der Inszenierung von Marshall ausgesehen hätte. Vermutlich hätte das Publikum hier ein auf Hochglanz polierter, konventioneller Hollywood-Actioner ins Haus gestanden.
Doch wie lehrt uns schon ein altbekanntes Sprichwort: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Das Projekt gelangte zum Stillstand. Einige Jahre verstrichen, ohne dass die Produktion des Films Fortschritte machte. Anfang 2010 zeigte ein gewisser kanadischer Charakterschauspieler namens Ryan Gosling sein Interesse an einer Verfilmung des Buches und übernahm die Hauptrolle an der Stelle anstelle von Hugh Jackman. Jetzt musste nur noch ein begabter Regisseur gefunden werden. Gosling selbst wurde bei der Wahl freie Hand gelassen, und er entschied sich für den relativ unbekannten, jungen dänischen Regisseur Nicolas Winding Refn, welcher unter Anderem mit „Bronson“ und „Valhalla Rising“ auf sich aufmerksam gemacht hatte. Was für eine grandiose Wahl der vielseitige Darsteller getroffen hatte, konnte er wohl zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht komplett abschätzen.

Um den Inhalt zu beschreiben, bedarf es nicht vieler Sätze, denn umso weniger man vor dem Sichten von „Drive“ weiß, umso besser und härter wird einen die Geschichte treffen. Driver fährt. Für Filme. Bei Tageslicht arbeitet er als Stuntman bei gefährlichen Crash-Szenen. Bei Einbruch der Nacht ist er als Fluchtwagenfahrer für Kriminelle tätig. Schließlich ist da noch seine Nachbarin Irene, für die der wortkarge Driver Gefühle entwickelt. Als deren Ehemann aus dem Gefängnis entlassen wird, lässt sich Driver von ihm zu einem Überfall überreden, der nicht nur sein Leben gefährdet, sondern auch das von Irene und ihrem kleinen Sohn. 

Von Anfang an merkt man, dass man es hier mit etwas Besonderem zu tun hat - Ohne Zeit für eine unnötige Einleitung zu verschwenden, legt der Film sofort los. Selten bekommt man einen Streifen zu sehen, bei dem man ab der ersten Minute wie in einen Sog hineingezogen wird und ab dem ersten Bild eine unerträgliche Spannung und auch Angespanntheit erzeugt geboten bekommt.  

“You give me a time and a place. I give you a five minute window. Anything happens in that five minutes, and I'm yours no matter what. I don't sit in while you're running it down; I don't carry a gun... I drive.“

Sehr viel mehr Worte bedarf es den ersten 10 Minuten gar nicht. Bereits nach 2 Minuten folgt die erste Gänsehautszene: Ein stilles Fluchtmanöver, das den Charakter des „Driver“ beinahe besser offenlegt als jede andere Szene im Film.  Die Einstellungen der Fahrt bei Nacht sind ruhig, übersichtlich, gleichsam temporeich geschnitten und sensationell bebildert, dies gilt jedoch nicht nur für den Einstieg, sondern auch für die komplette Laufzeit des Films. Der Arthouse-Action-Thriller beinhaltet ein halbes Dutzend an Szenen, die man auch noch lange nach dem Sehen in Erinnerung behalten wird. Da ist beispielsweise eine Szene an einem Strand bei Nacht, in die Goslings Charakter und auch der Bösewicht Nino (Ron Perlman) verwickelt sind. Dann eine unheimliche, spannende, brutale Szene in einem Motelzimmer, bei der keine Gefangenen genommen werden. Und schließlich mehrere Aufeinandertreffen zwischen Driver und Bernie Rose, gespielt von Albert Brooks – speziell bei diesen Aufeinandertreffen scheint die Luft förmlich zu knistern.

Ryan Gosling („Half Nelson“, „Lars und die Frauen“) ist die perfekte Wahl für seine Rolle. Auf der einen Seite agiert er souverän, ruhig und besonnen, auf der anderen explodiert er in rohen Einstellungen. Gosling schafft es, den Zuschauer mit seiner Rolle mitfühlen zu lassen, und ermöglicht somit den emotionalen Zugang zum Film, auch wenn dieser eher in den Hintergrund rückt. In einer Szene in einem Stripclub sind mehrere attraktive, unbekleidete Damen zu sehen. Gosling ist in dieser Szene allerdings so präsent, dass die Damen komplett unbeachtet bleiben. Ein viel größeres Kompliment kann man einem Schauspieler heutzutage beinahe nicht mehr machen.

Aber „Drive“ ist nicht nur die Show des Kanadiers. Eine Riege hochbegabter Darsteller vervollständigt den Cast. Da hätten wir beispielsweise die oscarnominierte Carey Mulligan (An Education, Wall Street 2). Sie spielt die Rolle der verletzlichen, alleinerziehenden Mutter äußerst glaubwürdig und hat eine tolle Mimik. Bryan Cranston („Breaking Bad“) spielt als Drivers Mentor stark auf und Christina Hendricks - jedem ein Begriff der eine Folge Mad Men gesehen hat - ist ordentlich in ihrer Rolle, hat allerdings nur wenig Screentime.
Als Gegenspieler fungieren Bernie Rose, gespielt von Albert Brooks, und Nino, gespielt von Ron Perlman. Brooks – außerhalb des Films auch als Comedian tätig-  ist nicht einen Funken witzig, extrem böse und nicht selten charismatisch. Es wird schon über eine Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller gemunkelt. Ron Perlman („Hellboy“, „Der Name der Rose“) ist eine gute Wahl für jeden Film und kann dieses positive Image hier bestätigen.

Das Drehbuch enthält gerade mal 81 Seiten und sorgt für eine kurze Laufzeit von knapp 100 Minuten. Im Falle von Drive ein klarer Vorteil, denn es gibt keine einzige(!) überflüssige Szene im gesamten Film. Dialoge sind rar gesät und Drive hätte beinahe als solides B-Movie in die Filmgeschichte eingehen können, wäre da nicht Nicolas Winding Refn. Seine Regie ist eine der schönsten, vielseitigsten und kompromisslosesten Arbeiten der letzten Jahre und somit ist sein Regiepreis beim Filmfestival in Cannes 2011 mehr als gerechtfertigt. Der Däne vereint wundervolle Farben und unglaubliche Lichteffekte mit tollen Kamerawinkeln. Besonders in den Schlüsselszenen wird seine Kreativität sichtbar: Oft wird mit Slow Motion, grellen Lichtern und auch viel Blut gearbeitet.  Was uns zu einem anderen wichtigen Punkt von „Drive“ kommen lässt - Die extreme Brutalität und Gewalt in der zweiten Hälfte des Films! Was genau gezeigt wird, will ich an dieser Stelle nicht verraten, allerdings ist der Kinogang nicht für Menschen mit  schwachen Nervenkostüm geeignet. Die Frage die bleibt ist, ob diese Darstellung der Gewalt wirklich nötig gewesen wäre? Doch diese Frage muss sich jeder Zuschauer nach der Sichtung selbst beantworten. Im Gesamtkonzept des Regisseurs, macht die harte Gangart auf jeden Fall Sinn. 

Cliff Martinez komponierte einen fantastischen Soundtrack, welcher sich deutlich vom sonstigen Actionkompositionen Hollywoods abheben kann. Er verleiht „Drive“ einen elektrisierenden, pulsierenden Vibe, und macht den Film zu einem Fiebertraum, dem man sich nicht entziehen kann. Die Lieder, die allerdings wirklich im Kopf bleiben, sind die Songs, die nicht von Martinez stammen. Hier wären zum Beispiel „Tick of the Clock“ von The Chromatics oder „A real Hero“ von College feat. Electric Youth zu nennen. Auch das Intro wird von Kavinskys fabelhaftem Song „Nightcall“ unterstützt.

Fazit: „Drive“ ist wohl einer der besten, und trotz teilweise grenzenloser Brutalität, schönsten B-Movies aller Zeiten und wird durch die Darsteller um Ryan Gosling und Albert Brooks, sowie der wundervollen Inszenierung von Nicolas Winding Refn zum Filmerlerlebnis des Jahres.


Kommentare


marki
100
23.07.11 00:59 Uhr

Der Trailer ist so stark, dass der Film gleich mein ABSOLUTE MOST WANTED geworden ist. Hier ist der Trailer:

http://www.youtube.com/watc...


siBBe
65
26.09.11 19:21 Uhr

Bin ziemlich enttäuscht von dem Film. Nicht dass Drive schlecht sei, das ist er auf keinen Fall, ich fand ihn insgesamt auch ganz gut sogar, aber eben "nur" gut. Und bei Drive habe ich einfach viel viel mehr erwartet als ein einfaches gut. Ich hab Kritiken gesehen wo leute ausgerastet sind wie toll der Film sei, bei imdb steht er bei 8.6 momentan und hier sinds nun auch 6 Sterne. Da erwartet man einfach einen richtigen Ausnahmefilm. Drive war für mich aber absolut kein Ausnahmefilm.

Was mir gefallen hat ist die tolle Stimmung im Film, er ist ruhig aufgebaut, hat eine packende Atmosphäre, schöne Bilder, die Musik ist passend gewählt, regietechnisch also ganz nett gedreht. Das ist der Grund warum ich Drive letzendlich auch gut fand.

Sieht man von dem schönen Regiestil und der netten Atmosphäre aber ab, ist Drive aber leider nichts besonderes mehr. Die Story ist absolut simpel und in der Form schon 100 mal gesehen worden, hat mich in diesem Punkt also enttäuscht weil ich da mehr erwartet hatte, wenn alle so auf den Film abfahren.

Somit ist Drive zwar ein an sich guter Film der mir Spaß gemacht hat, aber den ich auch schnell wieder vergessen werde, da er für mich einfach nichts besonderes darstellte.

Aber vielleicht sieht das der ein oder andere ja anders und ähnlich wie unser Kritiker Marki, dessen Meinung ich zwar nicht ganz teilen kann, aber der eine wirklich tolle Kritik geschrieben hat. Kompliment


EastClintwood
26.09.11 19:22 Uhr

Neil Marshall Bashing geht gar nicht, der ist ein Guter! ;)
Macht natürlich heiß auf den Film, bitter das der Deutschlandstart so lang hin ist ....


bogi86
26.09.11 19:26 Uhr

Freu mich schon drauf, ihn auch irgendwann mal sichten zu können :)


tarantino
26.09.11 19:27 Uhr

Klasse Kritik.
Dass mit der Buchvorlage und das Gosling sich Refn aussuchen durfte, wusste ich gar nicht.
Schade das ich noch 4 Monate warten muss :-(
siBBe scheint ja nicht so begeistert zu sein bei seinen 4 Sternen.


Prestige
26.09.11 21:19 Uhr

Nach dieser enthusiastischen Kritik bin ich nun wirklich gespannt, ob "Drive" meinen mittlerweile hohen Erwartungen gerecht werden kann.
Der Trailer sah schon sehr vielversprechend aus und der Cast liest sich ebenfalls wunderbar. Vielleicht wird Ryan Gosling nächstes Jahr beim Oscar nicht übergangen, wie letztes Jahr mit "Blue Valentine". Und auf Regisseur Nicolas Winding Refn ist sowieso immer Verlass! :)


SilentBob
26.09.11 21:31 Uhr

Oh man, wieso dauert es noch solang bis der Film endlich rauskommt?
Die Kritik macht extrem heiß auf den Film und auf Ryan Gosling freu ich mich sowieso immer!


OnealRedux
26.09.11 23:16 Uhr

Freu mich tierisch auf den Film und vor allem jetzt nach der geilen Kritik.


dkr
73
dkr
27.09.11 15:19 Uhr

ich muss ja gestehen, dass dieser komische "hype" um drive an mir vorbeigegangen ist, sonst wäre ich vielleicht auch bissel enttäuscht gewesen.

ich habe mit drive einen extrem cooles starvehikel mit dem neuen george clooney gesehen, der regietechnisch abgefahren perfekt und trotzdem nicht steril wirkte, tolle charaktere aufzubieten hatte, aber durch die schnelle abwicklung des "coups" und mit dem teilweise zu stillen verhaltens von gosling auch paar schwachpunkte hatte.

die gewalt? naja...irgendwo mussten ja paar "kultszenen" her denke ich. mich hats nicht gestört, so ganz reinpassen wollte vor allem die szene mit der gabel nicht. ansonsten ist gosling der erste mensch, der so komisch handschuhe und sone rennfahrerjacke tragen kann, ohne dabei wie ein vollidiot auszusehen. daumen hoch dafür ;)


Scaramanga
27.09.11 19:13 Uhr

Man nehme einen Film von 1978 (Driver), streiche den letzten Buchstaben weg und schon hat man einen neuen innovativen Filmtitel. Noch schnell beim Hauptdarsteller den Nachnamen ersetzt (Gosling statt O'Neal) und noch so eine richtig schöne zeitgemäße und verkaufsfördernde Liebesgeschichte rein und fertig ist der neue Film für PS-Fans. Ich hoffe mal, so ist es nicht gelaufen, ich konnte dem Ryan O'Neal-Film auch ein bischen was abgewinnen, aber das hier Nicolas Winding Refn eine der schönsten, vielseitigsten und kompromisslosesten Arbeiten der letzten Jahre abgeliefert haben soll, ist für mich noch nicht so richtig vorstellbar. Ich hab den Film zwar noch nicht gesehen und überraschen lass ich mich natürlich gern, aber mal ganz ehrlich: Wer von euch "Walhalla Rising" eingeschaltet und bis zum Ende gesehen hat, dem gebührt mein Respekt.