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6

Extrem laut und unglaublich nah 2012

Originaltitel: Extremely Loud and Incredibly Close
von Haiko Kàcserik-Maczek / 12.02.12 20:04 Uhr


Film Kritik

129
Länder
USA
Genres
Drama
Kinostart
16.02.2012

Handlung

Die Geschichte nach dem gefeierten Bestseller von Jonathan Safran Foer entwickelt sich im Kopf des aufgeweckten elfjährigen New Yorkers Oskar Schell (Thomas Horn), der im Nachlass seines verstorbenen Vaters einen Schlüssel findet und nun in der ganzen Stadt nach dem passenden Schloss sucht.

Ein Jahr ist vergangen, seit der Vater im World Trade Center umgekommen ist – Oskar nennt dieses Erlebnis den "schlimmsten Tag" und bemüht sich seitdem, Kontakt zu seinem großen Vorbild zu halten, das ihn immer wieder auf spielerische Art ermuntert hat, seine größten Ängste zu überwinden. Bei seinen Streifzügen durch die fünf Stadtbezirke von New York begegnet Oskar den unterschiedlichsten Menschen, die alle sehr persönliche Überlebensstrategien entwickelt haben. Dabei entdeckt er ungeahnte Verbindungen zum schmerzlich vermissten Vater, zur scheinbar so distanzierten Mutter und überhaupt zu der lärmenden, gefährlichen und verwirrenden Welt, in der er sich behaupten muss.

Kritik

Seit den verheerenden Geschehnissen um den 11. September sind mittlerweile 11 Jahre vergangen. Zahlreiche Filmprojekte mit dem Versuch die Ereignisse des "schlimmsten Tages" aufzugreifen, ereilten uns. Darunter gab es "World Trade Center" - die Actionvariante von Oliver Stone mit Nicolas Cage in der Hauptrolle, der die reale Geschichte zweier Polizisten fokussiert und den Einsturz der Twin-Towers in zahlreichen Sequenzen explizit in Szene setzte, den Dokumentationsversuch "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore oder den Film "Flug 93" von "Die Bourne Verschwörung"-Regisseur Paul Greengrass, der die Szenerien am Bord der Flugzeuge schildert, die später in die Türme stürzten. All diese Filmprojekte haben eines gemeinsam - ob gewollt oder nicht - sie erheben den Zeigefinger. Explizit weisen sie nicht auf den oder die Schuldigen, doch der Zuschauer ging mit einem Gefühl aus dem Kino, dass nach diesen "Geschehnissen" auf der Welt etwas passieren musste.

Frischer und anders, aber keinesfalls weniger dramatisch, nähert sich Stephen Daldry dem Thema, der mit seinen Filmen "Billy Elliot - I Will Dance", "The Hour - Von Ewigkeit zu Ewigkeit" und "Der Vorleser" bereits drei Mal für einen Oscar nominiert worden ist und uns bewies, dass er mit Jungdarstellern wie Jamie Bell oder David Kross nicht nur arbeiten und sie geeignet in Szene setzen kann, sondern ihnen auch Qualitäten abverlangt, als wären sie nie etwas anderem als der Schauspielerei nachgegangen.

"Extrem laut und unglaublich nah" basiert auf dem gefeierten Bestseller von Romanautor Jonathan Safran Foer ("Alles ist erleuchtet") und erzählt die verspielte Geschichte des ungewöhnlich frühreifen sensiblen Jungen Oskar Schell, der in die Fußstapfen von Don Quixote tritt und auf einer ganz persönlichen Odyssee quer durch New York ein Sammelsurium zufälliger Fakten zusammenträgt. Oskar hat im Nachlass seines Vaters einen Schlüssel vorgefunden und nimmt nun den Zuschauer mit auf einen Roadtrip zum passenden Schloss. Den einzigen Hinweis auf die Funktion des Schlüssels ist der Name "Black", der auf dem Umschlag stand, in dem der Schlüssel steckte. Ehrgeizig entwickelt er einen Plan, wie er allen 472 Leuten namens Black, die im New Yorker Telefonbuch aufgelistet sind, einen Besuch abstatten kann.

Wir tauchen ein in die Vorstellungskraft eines 11-jährigen Jungen, dessen Vater beim Kollaps der Zwillingstürme ums Leben kam. Wie geht ein junger Mensch mit dieser erdrückenden Angst des unfassbaren Verlustes um, der sich aufgrund von logisch nicht erklärbaren Ereignissen ergeben hat? Daldry lässt uns an den unsortierten Gedanken und Erinnerungsfetzen des Jungen Teil haben. 

Im Zentrum von Oskars Suche steht jener Mann, der dem Jungen immer wieder zur Lösungsfindung eines Problems motivierte, derjenige, der den Jungen mit all seinen Eigenarten und Phobien akzeptierte und sich voll auf ihn einstellte: sein Vater ... doch dieser ist eigentlich gar nicht mehr da. Tom Hanks sagte gleich zu, als er den Part des Vaters offeriert bekam. Sandra Bullock verkörpert seine Ehefrau. Als Mutter konnte sie nie eine Brücke zu Oskar schlagen und als nun der Pfeiler vom Vater wegbrach, scheinen sich ihre Probleme mit Oskar zu potenzieren. Sie muss nun an dem Verhältnis zu ihrem Sohn arbeiten und einen neuen Platz in seiner hermetisch abgeriegelten Welt finden. Zunächst scheint es, als würde sie ihrer Mutterrolle nicht gerecht werden, aber das Gegenteil ist der Fall. Da wir durch Oskars Augen sehen, sehen wir auch kein komplettes Bild seiner Mutter, können aber gegen Ende erkennen, dass sie neben ihrer eigenen Trauerarbeit beginnt eine Verbindung zu Oskar aufzubauen.



Eine innige Beziehung hegt Oskar zu seiner Großmutter, erzählt ihr aber dennoch nichts von seinem Plan. Eines Tages trifft Oskar auf den geheimnisvollen Untermieter seiner Großmutter. Obwohl der alte Mann nur über auf Papier gekritzelte Worte kommuniziert, weiht Oskar ihn ein und macht ihn zum Begleiter auf seiner Mission. Max von Sydow tastet sich an Oskar heran, in dem er Momente der Qual, Neugier und Freude alleine durch Mimik und Körpersprache ausdrückt. Es entwickelt sich eine unvergleichliche Freundschaft zwischen den beiden.



Letzen Endes sollte die Besetzung des jungen Oskars über Scheitern und Gelingen des Filmprojektes entscheiden. Die Filmemacher fanden in dem 13-jährigen Thomas Horn die perfekte Mischung aus überdurchschnittlicher Intelligenz und natürlichem Schauspieltalent. Wenn man bedenkt, dass Thomas zuvor gerade mal am Kinder-Jeopardy teilnahm und einen Grashüpfer im Schultheater verkörperte, sind seine schauspielerischen Fertigkeiten - er ist gleichzeitig naiv, verletzlich und hypersensibel - packend und fundiert. Der Film profitiert von der ideenreichen Schauspielführung Daldrys und der frischen Art von Horn und wenn es zu den Telefonmitschnitten des Vaters kommt, der aus den brennenden Türmen seinen Sohn versucht zu erreichen, dann dürfte kein Auge trocken bleiben. Ob das passende Schloss gefunden wird und sich alles auflöst, erfahrt Ihr ab dem 16.02.2012 im Kino.



Fazit: "Extrem laut und unglaublich nah" ist extrem gut und geht einem sehr nahe. Eine hingebungsvolle Vater-Sohn-Beziehung findet ein jähes Ende, doch anstatt die Schuldigen zu suchen und zu bekämpfen, taucht man ein in die Gedankenwelt eines kleinen Jungen, der für das Unerklärliche eine Erklärung sucht. Tolle Annäherung eines komplexen Themas.

Kommentare


siBBe
60
11.02.12 21:18 Uhr

Fand den Film leider weder extrem gut noch ging er mir besonders nah. Vielmehr plätschert er irgendwo im Durchschnittsfeld vor sich hin. Regietechnisch beeweist Daldry zwar immer wieder ein gekonntes Händchen, so dass der Film optisch ganz nett gemacht wirkt, die Musik ist absolute Klasse (und auch das Stärkste am Film), denn sie lässt den Zuschauer zwischenzeitlich glauben, einen besseren Film zu sehen, als man es tatsächlich tut.

Die Storyidee ist zwar an sich ganz schön, umgesetzt hat man sie aber nicht wirklich gut. Alles wird zu oberflächlich angetastet, die Charaktere entwickeln alle keinerlei Tiefe (mal abgesehn vom Jungen und dem Opa). Wo ich schon beim Jungen bin: Der ging mir mit seiner Rassel, seinen Macken und seinem Klugscheisser gehabe total auf den Sack. Schwer sich dann mit so jemanden zu identifizieren, der so unsympathisch rüber kommt. Klasse war dagegen der Opa, das war so ziemlich der einzige tolle und interessante Charakter im Film. Sandra Bullocks Rolle ist wie angesprochen eine der Rollen, die zu oberflächlich bleibt, Tom Hanks hätte man sich auch ganz schenken können.

Mir ist es ein Rätsel, warum der Film überhaupt für den Oscar nominiert wurde. Kann es mir nur damit erklären, dass Daldry der Regisseur ist und das letztendlich der Auslöser war. Gucken kann man den Film, gelangweilt habe ich mich nicht, aber viel verpasst hätte ich glaub ich auch nicht, wenn ich es nicht getan hätte, da der Film mir nicht viel gegeben hat. Somit bleib ich mit einem "okay" zurück, was für einen Film dieses Kalibers irgendwie doch enttäuschend ist. Schade


SERF
82
11.02.12 21:27 Uhr

Erzählt wird die Story ja durch die Augen des Jungen und dieser hatte kein tieferes Verhältnis zu seiner Mum, also bleibt diese auch recht blass gezeichnet von Daldry, was nicht nur dem Buch nahe kommt sondern durchaus legitim ist. Ich wollte mich beim Ansehen des Films nicht mit den Jungen identifizieren, warum auch, völlig überflüssig dieser Versuch, denn es ist halt ein extremer Charakter, überaus intelligent und seinen Freunden weit voraus. Ich mag eigentlich Tom Hanks nicht, aber hier war er OK, Mittel zum Zweck und eigentlich sieht man ihn ja nur in Gedanken des Jungen, wie er seinen Vater sah.

Ganz anders als Dir siBBe ist mir die Musik zwar aufgefallen, rückte aber nicht so extrem anscheinend wie bei Dir in den Vordergrund und für mich zeichnet sich Daldry nicht mit bestimmten Bildern aus, da gab es nicht viele extrem gute Einstellungen, sondern in der Schauspielführung. Was er aus David Kross, Jamie Bell oder hier Thomas Horn rausholt, ist sagenhaft. Hut ab!

Ihr kennt mich, ich liebe kleine Geschichten und die Geschichte um den Geschehnissen darum, einfach cool Der Schlüssel, der Versuch dahinter zusteigen, hat mich persönlich überzeugt. Aber wie immer ist Film halt auch Geschmackssache :D

Großer Favorit wird er bei der Oscarverleihung sicherlich nicht sein, trotzdem cooles Drama. Und Daldry und Horn sind super sympathische Leute und na ja, Max von Sydow .... Hut ab - eine LEGENDE!


filmdiva
11.02.12 23:29 Uhr

Die Kritik klingt genau nach dem, was ich mir von dem Film erhoffe und nun bin ich sehr ungeduldig ihn selbst im Kino zu sehen.

Ein heikles Thema, was ich aber bei Daldry bestens aufgehoben finde. Ob ich damit richtig liege, wird die Sichtung des Films zeigen.

Danke für die sehr gute Kritik!


duffman
12.02.12 12:34 Uhr

Danke für die tolle Kritik!
Scheint ein toller FIlm zu sein, den man keinesfalls verpassen sollte!


EastClintwood
12.02.12 12:51 Uhr

Schöne Kritik! Aber die Pressestimmen war ja eher durchwachsen bis teilweise vernichtend ... naja mal schauen.


dkr
49
dkr
13.02.12 13:04 Uhr

ach menno! hab mich so sehr auf den film gefreut und leider eine enttäuschung erleben müssen.

diese ganze post 9/11 geschichte verschwand leider in der vater-sohn beziehung, die auch nicht wirklich glaubhaft war, weil man tom hanks nur in sehr eindimensionalen rückblenden erhaschen konnte (ausnahme: schaukel). die späteren gefühlvollen momente wurden schon am anfang der kraft beraubt, weil der film mit seinem collagen und seinem unnötig hektischen und ausufernden off-erzähler (auch der junge) so durch das ausgangsszenario peitscht, dass man einfach keine emotionale bindung zu den charakteren aufbauen kann.

bei bullock war das ja größtenteils so beabsichtigt, dennoch war ich überrascht, wie schnell ein "ich wünschte DU wärst in dem turm gestorben" an mir vorbeiziehen kann.

positiv ist max von sydow zu erwähnen, seine rolle und sein spiel waren sehr gelungen. auch wenn dieses anfängliche "wer könnte er sein?" unnötig war.

was bleibt denn übrig? viele schöne bilder, ein neuer talentierter kinderdarsteller, schöne musik und ein widerlich kitschiges schlußbild und eine schreckliche auflösung mit der mutter gegen ende.

bin für ein remake :)