Shame 2011
von Jane Fritsche / 15.01.12 01:13 Uhr
Film Kritik
Handlung
Nach "Hunger" die zweite Zusammenarbeit von Steve McQueen und Michael Fassbender
Brandon Sullivan (Michael Fassbender), ein Dreißigjähriger New Yorker hat ein ernstzunehmendes Problem: Er ist süchtig nach Sex. Sein Leben gerät völlig aus den Fugen, als plötzlich seine Schwester Sissy (Carey Mulligan) auftaucht und kurzerhand bei ihm einzieht. Brandon wird gezwungen sich seinem Problem zu stellen.Kritik
Die zweite Arbeit von Künstler Steve McQueen vereint ihn wieder mit seinem "Hunger" Star Michael Fassbender. Wieder spielt der Körper eine Schlüsselrolle. In "Hunger" war er der letzte Ausweg seine Freiheit zu demonstrieren, in "Shame" wird der eigene Körper zum Gefängnis. Ein Getriebener geht an seinem krankhaften Trieb zugrunde – "Shame" ist großes Kino."Shame" lässt sich mit Schamgefühl und Schande übersetzen. Ein Spannungsfeld, welches mit nur einem Wort das Thema des Filmes beschreibt. Dermaßen auf den Punkt gebracht, lässt Regisseur McQueen in seinem neuen Film seinen Hauptdarsteller Michael Fassbender einen emotionalen Höllentrip durchlaufen, der vom Zuschauer viel abfordert. Denn die Linie zwischen Pornografie und fein gezeichneter Charakterstudie ist hier hauchdünn.
Wir begegnen dem erfolgreichen und gutaussehenden Brandon, der immer den Kick sucht und braucht – zu jeder Tages – und Nachtzeit. Glücklich ist er dabei nicht. Ihn quält seine unstillbare Lust, er schämt sich ihrer.
Sein Leben gerät aber erst in erstzunehmende Schwierigkeiten, als seine Schwester Sissy (Carey Mulligan) bei ihm auftaucht und ihn mit ihrem Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung an den Abgrund bringt. Während er die Nähe zu Menschen meidet, ist sie süchtig danach.
Die Kunst und der Unterschied zum Porno besteht nicht im Offensichtlichen – denn McQueen spielt oberflächlich mit der unmittelbaren Konfrontation und Provokation durch Nacktheit und Sex – sondern sie zeichnet sich dadurch aus, dass man die Bilder vergisst und in die Figur eintaucht. Das gelingt ihm mit der Wahnsinnsperformance von Michael Fassbender, der unglaublich intensiv und authentisch spielt, ohne dass man das Gefühl hat, hier spielt jemand eine Rolle. Einem Schauspieler zu attestieren, dass er in dem Charakter vollkommen aufgeht, bedeutet wahre Schauspielkunst. Seine Leistung ist mit dem Seelenstrip von Natalie Portman in "Black Swan" zu vergleichen, denn hinter der Fassade seines Brandon brodelt es gewaltig. Solche Erfahrungen sind zwangsläufig extrem und sie lassen einen nicht unberührt.
Die mit nur vier Charakteren äußerst minimalistische Figurenkonstellation genügt völlig, um das äußere und innere Leben des Protagonisten aufzuzeigen. Brandons Chef, gespielt von James Badge Dale ("Die Lincoln Verschwörung") betrügt seine Frau wann immer er eine Gelegenheit dazu findet und Marianne (Nicole Beharie), die eine echte Option für eine echte Beziehung darstellen würde, wenn Brandon es denn zuließe. Ob er es kann, ist eine andere Frage.
Carey Mulligan beeindruckt als gestrauchelte Sängerin Sissy und Schwester von Brandon, die verzweifelt in ihren Mitmenschen Halt sucht, den sie sich selbst nicht geben kann. Mulligans erste Szene zeigt sie nackt wie zuvor auch Fassbender, ein mutiger und grandioser Schachzug, denn nun sind sich beide Charaktere gegenüber dem Zuschauer ebenbürtig. Erwähnenswert ist das deshalb, weil Nacktszenen heutzutage außerhalb der Pornobranche nicht für selbstverständlich erachtet werden, die Körperkultur in Hollywood ist mit ein paar Ausnahmen, wie etwa Kate Winslet in "Der Vorleser" oder Ewan McGregor in seinen früheren Filmen, schon fast prüde zu nennen.
Die Bildsprache McQueens besticht durch lange Einstellungen und vielen Nahaufnahmen. Die Kamera hält genau darauf, wo sonst im Allgemeinen die Augen vor verschlossen werden, weil es zu sehr in die Privatsphäre des Anderen eindringt. Doch hier wird unerbittlich draufgehalten um der Figur und seinem Problem auf den Grund zu gehen, ihm nachzufühlen, was ihn quält. Nicht nur in den Sexszenen sondern auch wenn Sissy schwermütig und schmerzhaft langsam ihr "New York, New York" anstimmt. Das Lied als Liebeserklärung an die Weltstadtmetropole, das Frank Sinatra unsterblich machte, aber zunächst von Liza Minelli gesungen wurde.
"Shame" ist trotz oder gerade wegen seiner offensiven Art ein überaus moralischer Film, der sich jedoch nicht anmaßt zu beurteilen sondern lediglich aufzuzeigen. McQueen beschreibt es selbst als "access to excess" – der Zugang zum Exzess. Der ungefilterte Zugang zu Informationen jeglicher Art in unserer Gegenwart, Sexseiten im Internet, aber auch das die Uhr in der Großstadt niemals stillsteht, alles das sind Gründe für das Leben von Brandon. Selbst wenn er in „Shame“ ein fiktiver Charakter bleibt, sind seine Handlungsweisen doch erschreckend realistisch.
Fazit: "Shame" ist schlichtweg Kinokunst vom Feinsten. Ein Paradebeispiel für anspruchsvolles Kino und eine herausragende Darbietung Michael Fassbenders. Den Massengeschmack verfehlt der Film um Längen, aber das erwartet man bei Steve McQueen erst gar nicht. Dieser Blick in den Abgrund geht unter die Haut und man sollte ihn sich nicht entgehen lassen.
Nach „Hunger“ eine weitere glückliche Zusammenarbeit von Steve McQueen und Michael Fassbender, die 2013 mit "Twelve Years a Slave" wieder gemeinsam drehen werden. Man darf gespannt sein!
Kommentare
ARTHAUS-PORNO der extraklasse. genau so stell ich mir ein intensiv hypnotisches drama vor. absolut authentisch und eindringlich dargestellt von michael fassbender und carey mulligan. die ruhige kamera begleitet das geschehen in schöne long-shots und taucht den zuschauer ins edel fotgrafierte new york, ohne irgendwelche langeweile aufkommen zu lassen. was für eine grandiose performance. ein film der in den kinosessel nagelt und noch lange in den köpfen hängen bleiben wird. hab ihn in einem schönen kino in paris gesehen. mir kams vor wie ne mischung aus LOST IN TRANSLATION und BLACK SWAN....nur eben mit viel mehr schambehaarung. an alle cineasten da draussen : unbedingt anschauen!
War nach dem Film absolut geflashed und hat mich noch lange Zeit beschäftigt. Genialer Film und jetzt schon mit Sicherheit einer meiner Top Filme für dieses Jahr. Genial gedreht, verstörend, fantastische Schauspieler, genialer Soundtrack. Richtig böser Film, genau wie ichs mag. Und schön dass er so viele Fragen aufwirft
Ach menno... wo habt ihr den Film denn alle schon gesehen? Ihr könnt doch nicht hier die hohen Wertungen platzieren und das gemeine Fußvolk muss noch fast 7 Wochen warten :/ *seufz*
@Cratefruit: siBBe & meine Wenigkeit haben ihn in einer Pressevorführung und Filmkritiker hat ihn glaub ich auswärts gesehen ...ist nur Zufall, dass es schon so viele Stimmen dazu gibt.
Das Jahr fängt mit sehr hohen Bewertungen an, da muss ich dir Recht geben ;)
Das glaub ich, dass Fassbender seinen Charakter eindringlich gespielt hat :D
Ne jetzt mal dumme Witze beiseite, die Kritik liest sich wieder einmal super und und die tollen Bewertungen machen gerade noch heißer auf den Film! Freu mich riesig!
Oha Kritik klingt ja richtig genial! Film wird definitiv geguckt. Am besten im Kino, wenn es klappt!
PS: Wenn das so weiter geht mit den Hammerfilmen wird 2012 wohl DAS Kinojahr schlechthin :)
@Neva, Easty, Freeman & bogi: Habt vielen Dank :)
Ein Film, der einiges abverlangte und durchaus für pikanten Gesprächsstoff sorgt.
Nach A SINGLE MAN der zweite Film, bei dem mir der Film aufgrund seiner ungewöhnlichen Herangehensweise und Bildsprache besonders gefiel. Die beiden Filme sind nur bedingt zu vergleichen, aber wenn Künstler sich ans Filme drehen machen, kann das eine echte Bereicherung sein. Freu mich schon auf seinen dritten Film!
Der Filmi in der Stadt der Liebe?
Hats da etwa gefunkt? :-)
Kommentare und Kritik machen sehr neugierig auf den Film.
Hoffe der läuft hier auch außerhalb der Großstädte in den Kinos.


